Elend für dich und deine Familie

Hamburg. Stadtspaziergang bei bitterer Kälte. Warme Füsse dank neuer Stiefel, aber Frostbeulen in den Kniekehlen.

Viele Obdachlose im Zentrum.


Der Besitzer dieses Fahrrads wärmt sich möglicherweise in der Bäckerei etwas auf.


Moewen bei Futtersichtung.

Immer wieder kurz ins Warme. Der Kaffee aus dem Automaten in einer Postbankfiliale schmeckt nach Briefmarkenkleber. In der Speicherstadt will uns der Teppichgrosshändler, bei dem wir zitternd reinschauen, einen Kelim im Gegenwert eines mittleren Monatseinkommens aufschwatzen: von Nomaden an der afghanischen Grenze aus natürlich reinen Naturfasern selbstverständlich handgeknüpft, wie ein Gemälde, ja, schön ist er.
Schliesslich ins Speicherstadtmuseum, immerhin mässig warm dort.


Ich lerne, dass Fegsel aus beschädigten Verpackungen gefallene Ware war, die die Hafenarbeiter verbotenerweise einsteckten, wofür ihnen zwar nicht mehr die Hand abgehackt, dafür aber mit Elend für die ganze Familie gedroht wurde.

Speicherstadt

Hamburg, trübe. Noch ein paar Stunden, bis der Zug fährt. Wir besuchen die Speicherstadt. Es scheint zunächst, als ob hier nur Teppiche gespeichert werden, aus allen Fenstern hängen sie, wir sind in den orientalischen Block geraten. Dazwischen das afghanische Museum. Es ist nicht geheizt, aber immerhin kein Frost hier drin. Sehr informativ und liebevoll gestaltet.


Zum Beispiel die Abteilung „Altes Handwerk“, kaputtes Geschirr wird zum Reparieren gebracht.

Die verschiedenen Völkerstämme und Jahreszahlen kann ich mir natürlich nicht merken, überfliege nur zerstreut einige Tafeln und lasse mehr die Gesamtatmosphäre auf mich wirken – den alten Holzfussboden, die Gerüche, die hohen Decken. Zum Abschluss ein Tässchen Tee, dann weiter mit der Speicherstadtbesichtigung.


Zwischen den Blöcken glänzen die Mauern plötzlich in der Sonne.


Noch mehr Sonne. Mir wird augenblicklich ganz frohgestimmt zumute.

Plötzlich ein Gebäude wie in durchsichtiges Plastik verpackt, schief wirkend. Man kann hineingehen und das tun wir auch.


Hier hat Unilever sein Domizil aufgeschlagen. Eindrucksvoll.

Es gibt eine nicht zugängliche medizinische Etage und im öffentlichen Sanitärbereich zusätzlich zur Seife seltsamerweise noch alkoholisches Desinfektionsmittel. Die Menschen hier wirken irgendwie auch keimfrei sauber. Ein Shop bietet eigene Produkte (Tütensuppen, Margarine, Deo, Eis). In der Cafeteria lassen wir uns hinter Glaswänden von der Sonne wärmen, schlürfen Latte Macchiato und blicken träge auf Eisschollen, die die Elbe entlang treiben.

Kuchen mit Theater

Flensburg: es regnet. In „Omas gute Stube“ wagt sich nur der Schlagfertige. „Kaffee kriegt ihr hier, solange ihr wollt, aber ab der dritten Kanne wird er immer dünner“, begrüsst uns Oma persönlich. „Bei meiner Oma wurde eine Bohne am Boden festgenietet und immer wieder draufgegossen“, kontert Markus. Und so geht es weiter, Oma kommt mit Kuchen: „Da oben ist ne Kamera, und wenn du deine Rumrosinen isst, wird dir warm und dann machst du dich ein bisschen frei, das wird dann gefilmt und kommt heute abend im Regionalprogramm.“ Raum voll Gelächter, Hilfe, ich habe mich in eine Heimatkomödie verirrt.
Als wir das Lokal verlassen, sind wir zittrig vom vielen Kaffee.

Detail aus der guten Stube.

Glücksburg: es regnet. Das Hotelzimmer hat einen Balkon und Blick aufs Meer.

Es scheint, als ob das Fahrzeug am Bildrand mit großem Getöse den Sand einebnet.

Hamburg: es regnet. Eine Stunde Aufenthalt. Am Südausgang darf ich endlich rauchen. Beschallung mit klassischer Musik. Ein alter Mann mit schäbigem Einkaufsroller greift eine leere Flasche vom Mauervorsprung und rollt weiter. Wichtige Bahnhofswachen mit geschwellter Brust, Pissoirs, alles so sauber.
Den Nordeingang kenne ich gut. Ich stehe abseits vom Strom und rufe mir die Strassen ins Gedächtnis: links geht’s zur Steinstrasse, geradeaus die Mönckebergstrasse, wie oft bin ich hier früher langgelaufen.

Auf der Brücke zwischen den Gleisen.

Da hat einer geraucht, das darf der hier doch gar nicht mehr.