Umzug 2

Im „Service-Wohnen“ – Appartement sieht es noch durcheinander aus. Aber das Verlängerungskabel für den Fernseher hat der Vater schon besorgt und angebracht, die Verbindung zur weiten Welt steht. Täglich fahren die Eltern mit ihrem kleinen Auto die 8 km zwischen eigenem Haus und neuem Domizil hin und her, es werden weitere Schränke entmistet, Regale abgeschraubt, Möbelstücke u.a. transportiert. Immer noch essen sie im Haus zu Mittag, brauchen ihre Bofrost-Vorräte auf. Am Telefon klingt der Vater müde, natürlich hat er sich noch nicht eingewöhnt. Die Mutter dagegen ist froh, sich vom Haus zu verabschieden.
Respekt, dass sie in ihrem Alter diesen Schritt selbständig gemacht haben.

Der Vater packt noch mit an, wo er kann.

Neuer Grundriss

Noch fast dunkel draussen, aber der sehr alte Mann kann nicht mehr schlafen. Er setzt sich im Morgenmantel in die Küche und zeichnet weiter auf Millimeterpapier. Jetzt Grundrisse der vorhandenen Möbel, die schiebt er auf der Wohnungsskizze hin und her. Gestern war er mit seiner sehr alten Frau und angereister Tochter nochmal im ausgewählten Seniorendomizil, und während sie mit der Heimleiterin sprachen, hatte er alles genau ausgemessen und schon vor Ort einen ersten Entwurf gemacht. Mathelehrer eben.

Nach ziemlich genau einem halben Jahrhundert lösen die Eltern ihr eigenes Haus auf und wollen sich in ein kleines Appartement im Bereich „Servicewohnen“ begeben. Ganz frischer Entschluss. Wer weiss, welche Emotionen da noch hochkommen.

Grossfamilie

Diesmal macht sich meine Mutter nicht die Mühe einer frischgebügelten langen Tischdecke, sondern nimmt gleich eine aus Papier. Grandios. Während der Unterhaltung kritzeln mehrere Familienmitglieder munter drauflos: 15jährige Nichte, Sohn, Schwester, Architekturstudentenneffe und ich, beim Schwager ist ein Riss im Papier. Wer malte was?

Von den Alten

Im sogenannten Klavierzimmer ist die Heizung immer aus. Zwar steht dort noch das wurmstichige schwarze Klavier, sonst dient der Raum als Lagermöglichkeit für verschiedene Dinge. Zum Beispiel für Lebensmittel, die kurzfristig mühelos, also ohne den Umweg über Treppen erreichbar sein sollen. Zwei alte Sofas im Eck sind übersät mit Jacken, Sitzpolstern der Terrassenmöbel und Plastiktüten, vorm Fenster der kleine alte Kindertisch.
Die Mutter braucht eigentlich nur wenig Wohnraum, das grosse Haus und der Garten überfordern sie schon seit Jahren. Der Vater dagegen plante und baute dieses Haus, es ist für ihn eine Art Lebenswerk. Er plant und baut auch jetzt noch, zuletzt eine Überdachung für die Mülltonnen und eine Verbreiterung der Garageneinfahrt.
Es sind Herbstferien, mein Sohn hat frisch den Führerschein und Lust auf eine längere Tour. Also macht er sich mit mir, der Mutter, die nicht Auto fahren kann, auf den Weg von Berlin ins Weserbergland zu seinen Grosseltern. Die freuen sich und verschieben zwei Arzttermine. Wir machen einen Ausflug ins Wisentgehege. Der Spaziergang voran zwischen Insektenhotel, Geweihwild, Wisent und Wildschwein, auch meine Mutter geht langsam klaglos mit. Die Sonne scheint, aber ich friere ein bisschen, wäre gern schneller. Als ich die Kamera raushole, setzt mein Vater sein übliches fotogenes Witzgesicht auf und meine Mutter lächelt etwas gequält. Wäre sie schlechter drauf, würde sie genervt sagen: ach Jani, lass doch das.


Zwei Eulen im Wisentgehege.

Nachmittags harken wir mit dem Vater das Laub von seinem vertikutierten Rasen und stopfen es in Müllsäcke. Die Mutter ist erschöpft, sitzt mit hochgelegten Beinen im Wohnzimmer und schaut durchs Fenster zu.