Fette Tauben in Warschau

Zum Liedermacherfestival in Polens Hauptstadt, drei Länder, drei Teile. Der weissrussische Sänger warnt davor, Frauen mit aufs Meer zu nehmen, weil man sich dann nicht auf die Gefahr konzentrieren kann, der deutsche Sänger schiebt sein altes Fahrrad und der Stil des polnischen Sängers erinnert ein bisschen an Reinhard Mey, aber seine Lieder behandeln politische Themen – bei einem fordert er das Publikum auf, an manchen Stellen „Schande“ oder „Verrat“ rufen, was es emphatisch und mit geballter Faust tut. Auf der Bühne eingeblendet sind die Originaltexte und Übersetzungen ins Polnische, die uns Leszek ins Deutsche übersetzt. Nachher wird noch lecker aufgetischt, eine Organisatorin erzählt, dass sie früher chaotisch punkmässig drauf gewesen wäre, aber in fünf Jahren Deutschland eine gewisse Ordnung gelernt hätte.
Ein ganz besonderer Abend mit sehr nett wirkenden Künstlern.

Zum ersten Mal in Polens Hauptstadt. Prächtig, Theaterpaläste, Banken-Ulica, Schlösser, die Universität. Jemand erklärt auf deutsch eine zentrale Riesensäule: irgendein Fürst, der vor langer Zeit die Metropole von Krakau nach Warschau verlegte.


Erster Eindruck im Dunkeln.


Am nächsten Tag Stadtbesichtigung. Hier Marie Curie-Museum.


Von einem Rynek zum nächsten. Die Tauben in der Innenstadt wirken gut gefüttert wie Masthähnchen.Bei dieser Häuserzeile fragt man sich, ob die hinten hoch angebauten Teile nicht von innen ziemlich dunkel sind.


Wir finden einen offenen Hausdurchgang und gelangen in einen Innenhof, wo eine steinerne Dame die Arbeit des Handwerkers überwacht.


Eine Dienerin des Herrn. Sehr viele Kirchen hier.


Die im Krieg katastrophal zerstörte Altstadt wurde nach alten Plänen wieder aufgebaut.


Aber auch neuere Stilelemente fanden Eingang in die Architektur.


Wanddetail im Erker eines Hauses auf Brusthöhe – weshalb es zu zusätzlichen Schnitzereien anregte.


Hinter dem grünglasigen Gebäude der Kulturpalast, ein 30stöckiges Monumentalwerk mit Marmorsälen, dessen Bau die Russen in den 1950er Jahren beschlossen.


An Wolkenkratzern hat Warschau fast so viele zu bieten wie Frankfurt/Main. Ich zeige mal nur einen davon.

Wir fragen uns, welche Häuser im Zentrum die Katastrophe überstanden haben, können es nicht einschätzen, so sorgfältig und möglichst original wurde der Stadtkern wieder aufgebaut.

5 Gedanken zu „Fette Tauben in Warschau

  1. Super Ziel, schöne Bilder, nur der November reizt mich nicht. Übrigens, das Gebäude auf dem untersten Bild sieht so aus, als hätte es den Krieg überstanden.

  2. (1) Schöne Berichte sowohl aus dem Konzert als auch von der Stadtbesichtigung, inkl. die Fotos. Einiges zu einzelnen Bildern oder Bemerkungen – unten.

    (2) Die Nonnen sind manchmal wegen ihrer Tracht als „Pinguine“ genannt 😉

    (3) „Das alte Fahrrad“ von Manfred gefiel hier besonders gut. Ein meiner singenden Kollegen – Olek (Alex) – Manfred von mir im Foyer vorgestellt als ein Schauspieler und Sänger (er sprach dann mit Manfred auf Deutsch), bat mich schon am Montag um die Zusendung der Texte mitsamt Nachdichtungen und anschließend fragte, ob er das Fahrrad (polnisch „Stary Rower“) auch selber erlernen und „fahren“ dürfte, natürlich in der polnischen Sprachversion. S. auch http://estimado.salon24.pl/467679,das-alte-fahrrad-stary-rower.

    (4) Der Bursche auf der Kolonne vorm Schloß hieß Sigismund der Dritte, gehörte dem schwedischen Haus Wasa und war bei uns nicht als ein Fürst, sondern Wahlkönig teilweise tätig und teilweise untätig, beides gar nicht in den bereichen, wo es für uns (ausgenommen die kath. Kirche) günstig war.
    Wir haben also dem A…loch nicht nur die Hauptstadtverlegung 1596 zu verdanken, aber auch die erfolgreiche Gegenreformation sowie die versäumte Chance, die polnischen Könige auf den Moskauer Thron einzuführen, denn es bedarf von ihm oder seinem Sohn von der römischen auf die orthodoxe Kirche zu konvertieren. Ein der französischen Könige, Heinrich der Vierte bzw. der Große, notabene sein Zeitgenosse, sagte in einer ähnlichen Lage: „Paris vaut bien une messe“ und konvertierte ohne weiteres auf Katholizismus…

    (5) Kulturpalast – es erweckt bei uns Polen sog. „gemischte Gefühle“, und ist dementsprechend auch als „Stalins Geschenk“ und „Kulturkratzer“ bekannt.
    Als eine Art Erläuterung unserer brüderlichen Beziehung zu Russen inkl. Bolschewiki, so ein Dialog auf einer Baustelle in PL, Anfang 60er Jahren:
    – Herr Meister, Herr Meister, die Russen sind in den Weltraum geflogen!!!
    – Die sämtlichen?!
    – Nein, nur zwei!!!
    – Wofür denn fällst du mir so einem Quatsch auf den Wecker?
    Es betrifft aber die Russen als Vertreter eines Staates mit seiner, uns ganz fremden politischen Kultur. Als die Privatmenschen sind sie akzeptiert, manchmal auch beliebt. Und z.B. bei Herden sind sehr oft Okudzschawa und Wyssotzki gesungen. Auch in der OPPA waren diesmal 2 Konzerte Okudzschawa gewidmet.

    (6) Das alte Miethaus vorm neuen Wolkenkratzer stammt sicherlich aus den Vorkriegszeiten, man sieht nur, es mußte seinerzeit zu einer Zeile bzw. Straßenfront gehören. Warschau wurde bis 1945 zu ca. 85% zerstört, bei Wohnhäusern war es jedoch „lediglich“ 72%… mehr Zahlen auf Wunsch… auch dies aber haben wir gar nicht ausschließlich Herrn Schicklgruber zu verdanken, Herr Dschugaschwili hat dazu auch beigetragen. Die sowjetische Offensive wurde im Sommer 1944 an dem rechten Weichselufer plötzlich zum Stehen und Warten gebracht, dies anläßlich des Warschauer Aufstands, damit Adi sein Job zum Ende bringen konnte.

    LG, L.

  3. Du versuchst ein polnisches Wort „rynek“ zu benutzen. Vergebens. Es stammt sowieso von dem deutschen „Ring“.

    Bei so einem Rynek steht üblicherweise ein „ratusz“. Lese: rathusch. <- Rat+Haus.
    Darin amtiert bis heute ein Kerl, dessen Stelle „Burmistrz“ heißt. Lese: bur(g)+mistrsch <- Burg + Meister.

    Cegua = Ziegel. Dach = Dach. Grunt = Grund. Plac = Platz. Usw. usf.

    Daraus kannst du sehen, was die Städte anbelangt, die Deutschen waren nicht immer nur bei deren Zerstörung dabei 🙂

  4. REPLY:
    bei uns zuhause wurden von meinen eltern (insbesondere dem vater) gerne wasserpolnische/oberschlesische*einsprengsel benutzt, so zum beispiel: (schreibung phonetisch, nicht orthographisch verbürgt) krupniokes, pientecka, krunka, wrazyk, spirka, tulea, doppa etc.;
    er neigte auch dazu kerndeutsche bezeichnungen zu verballhornen (gutes verb!), so die kneipe „Kepler-Eck“ zu „keplerek“ mit betonung auf der zweiten silbe.

    *oberschlesien – slask

  5. REPLY:
    Ein paar polnische Wörter hast du also schon als Kind gelernt – die bleiben wenigstens im Gedächtnis 😉 Mein Vater, wenn er sich an Masuren erinnert, sagt mit so gemütlichem Tonfall „mleko“ und hängt ans Verb „sich“ an.
    Wasserpolnisch heisst wohl, dass keine wirkliche Aufnahme ins Deutsche stattgefunden hat, oder? Ich kenne jedenfalls keine mit polnischem Ursprung.

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