Alte Puppen

Besuch bei den Eltern. Die haben sich in den Kopf gesetzt, den Dachboden leerzuräumen. Bei Saunatemperatur sichten Vater und ich Inhalte zerbröckelnder Plastiktüten, schleppen verstaubte Koffer, Sperrholzmöbel, Teppichreste, Weinballons und den Kinderwagen, in dem alle drei Kinder lagen, die steile Bodenstiege runter.


Vater arbeitet langsam, immer wieder hält er trotz Staub und schweisstreibender Hitze inne, um etwas genauer zu betrachten, hier: Die Struwwelliese. Ein Bilderbuch, an das ich mich sehr gut erinnern kann, mit deutlichen Spuren meiner frühkindlichen Kritzeleien.

Zur genaueren Durchsicht wird alles erst mal auf der Terrasse deponiert und nach und nach geöffnet. Zum Beispiel ein ganzer Koffer voller vergessener Konfirmationsgeschenke der jüngsten Schwester, hauptsächlich bestehend aus Handtüchern mit „Sie“ und manchmal auch „Sie“ und „Er“, dazwischen 5 Tortenheber, Löffelchen, Kuchengabeln in Originalverpackung, eine schwere Bleikristallschüssel – alles Dinge, die eine Konfirmandin nicht wirklich interessieren und an die sie später gar nicht mehr dachte.


Zwei Koffer voller Puppen und Plüschtiere aus jahrzehntelanger Dunkelheit noch einmal ans Tageslicht geholt. Mutter steht dabei und jammert: Das muss alles weg, wo soll das hin, niemand will das mehr haben…

Mit den Erinnerungen im Rücken auf der Terrasse sitzen. Alte Zeugnisse, Schulmappen, Spiele, haufenweise Bilder- und Kinderbücher. Drehe ich den Kopf, starren mich blasse dreckige, teils verstümmelte Puppen aus halbgeöffneten Koffern an. Ein ganz schlechter Horrorfilm.


Die grössten Puppen wurden von Verwandten aus der „Ostzone“ geschickt.

Nach und nach wandert das meiste unter die Eingangstreppe, wo es auf den Sperrmüll wartet. Auch Zeugnisse, Poesiealbum usw. kommen in die Tonne. Nur zwei Bücher und die Weinballons nehme ich mit.

3 Gedanken zu „Alte Puppen

  1. „horrorfilm“ ja, aber wieso „schlechter“? eher vorformen oder nachbilder zu hans bellmer!

  2. …. solche Aufräumaktionen sollte man unterlassen, wenn sie keinen tieferen Sinn haben. In 5 Jahren meckern sie, was sie alles weggeworfen haben.

  3. REPLY:
    Sie sind inzwischen so alt, dass sie ihren Lebensraum stark verkleinert haben. Und sie möchten möglichst viele Ecken ihrer chaotischen Wirtschaft in Ordnung bringen, solange es ihnen noch möglich ist.

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